Die lettische Stadt Liepāja sieht sich nicht am Rand Europas. Als Kulturhauptstadt 2027 will sie zeigen, was der Kontinent vom Baltikum lernen kann.

Nadin Heinich: Weshalb wollte Liepāja Kulturhauptstadt Europas werden?
Inta Šoriņa: Weil diese Stadt kulturell nie provinziell gedacht hat. In Liepāja gibt es ein professionelles Theater und ein Symphonieorchester – diese Kombination findet man in Lettland außerhalb von Riga kein zweites Mal. Als 2020 die Entscheidung fiel, uns zu bewerben, war deshalb auch viel Selbstbewusstsein im Spiel. Wir waren fast zu sicher, dass Liepāja diesen Titel bekommen müsse. Erst im Bewerbungsprozess haben wir verstanden, dass genau das unsere Schwäche war. Die eigentliche Frage lautete nicht: Warum sollten wir gewinnen? Sondern: Was wollen wir Europa erzählen?
Nadin Heinich: Was hat sich in diesem Prozess herauskristallisiert?
Inta Šoriņa: Dass wir unsere Stadt neu lesen mussten. Nicht aus der Binnenperspektive, sondern mit Distanz. Wir haben mitten in der Pandemie daran gearbeitet, fast alles lief digital, in unzähligen Gesprächen und Abstimmungen. Dabei wurde klar, dass Liepāja, das 2027 nach Riga erst die zweite lettische Kulturhauptstadt Europas sein wird, nicht allein erzählt werden kann. 2027 sind wir nicht nur als Stadt Kulturhauptstadt Europas, sondern gemeinsam mit Süd-Kurzeme und Kuldīga. Die Region gehört mit zur Erzählung. Es geht um Zusammenarbeit, um geteilte Identität, um die Frage, wie Kultur über kommunale Grenzen hinauswirken kann.
Nadin Heinich: Das Motto von Liepāja 2027 lautet „(un)rest“. Was bedeutet es für Sie?
Inta Šoriņa: Dieses Wort beschreibt unseren Zustand sehr genau. Liepāja ist eine Stadt zwischen Ruhe und Unruhe. Wir liegen an der Ostsee, an einer Küste, die offen und verletzlich zugleich ist. Es gibt hier eine große landschaftliche Schönheit, aber auch eine historische und politische Nervosität, die nie ganz verschwindet. „(un)rest“ heißt für mich auch: Wir sind nicht fertig. Diese Stadt ist kein abgeschlossenes Bild, sondern ein Ort im Werden. Gerade daraus entsteht Kreativität. Für uns ist das kein Marketingbegriff, sondern eine politische und kulturelle Selbstbeschreibung.

Nadin Heinich: In Ihrem Bewerbungsbuch spielt Russland nur indirekt eine Rolle. Warum ist dieses Thema trotzdem zentral?
Inta Šoriņa: Weil man es im Baltikum nie ausblenden kann. Als Russland die Vollinvasion der Ukraine begann, war das für viele von uns kein abstrakter geopolitischer Schock, sondern etwas zutiefst Persönliches. Plötzlich war da das Gefühl: Das, was in Butscha geschieht, ist in anderer Form schon unseren Familien passiert. Der stalinistische Terror ist international nie wirklich aufgearbeitet worden, und Russland musste für das imperial geprägte Gewaltregime der Sowjetzeit nie in einer Weise Verantwortung übernehmen. Wir leben mit diesem Wissen seit Jahrzehnten. In Westeuropa wurde es lange nicht ernst genug genommen.
Nadin Heinich: Sie meinen, Lettland hat früher verstanden, was von Russland ausgeht?
Inta Šoriņa: Wir mussten es verstehen, weil wir die Geschichte im eigenen Land tragen. In Liepāja kommt hinzu, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung russischsprachig ist. Viele Menschen sind loyal zu Lettland und vollkommen Teil dieser Gesellschaft. Aber es gibt eben auch jene Schichten, die über Jahre in einer russischen Informationswelt geblieben sind. Der Krieg hat offengelegt, was wir zu lange toleriert haben: Parallelwelten, Propaganda, Sprach- und Erinnerungskonflikte. Diese Spannung ist real. Und sie gehört zu unserem Alltag, auch wenn man sie von außen nicht immer sieht.


Nadin Heinich: Was wünschen Sie sich von Deutschland und Westeuropa?
Inta Šoriņa: Mehr Bereitschaft, den baltischen Erfahrungen zuzuhören. Wir haben uns lange an Westeuropa orientiert, als müssten wir erst „europäisch“ werden. Der wichtigste mentale Schritt der letzten Jahre war für mich zu begreifen: Wir sind nicht am Rand Europas, wir sind Europa. Und wir bringen ein Wissen mit, das im Westen oft fehlt – über imperiale Kontinuitäten, über russische Soft Power, über die Fragilität von Freiheit. Gerade Deutschland hat Russland über lange Zeit auch kulturell und mental unterschätzt. Man hat vieles als Folklore, Nostalgie oder bloße Symbolik gelesen, was in Wahrheit politische Macht war.
Nadin Heinich: Was kann eine Kulturhauptstadt in einer solchen Lage leisten?
Inta Šoriņa: Sie kann keine Sicherheitsordnung ersetzen. Aber sie kann Öffentlichkeit herstellen, Selbstverständigung ermöglichen und Menschen aus ihren Blasen holen. Das ist für uns zentral. Eine der größten Herausforderungen in Lettland ist nicht nur die geopolitische Lage, sondern die gesellschaftliche Vereinzelung – das Nebeneinander von Gruppen, Nachbarschaften und Milieus, die kaum noch miteinander sprechen. Liepāja 2027 ist deshalb ein Versuch, Beteiligung neu zu lernen: lokal, regional, europäisch. Gelingt das, dann bleibt von diesem Titel mehr als ein Veranstaltungsjahr.

Zur Person: Inta Šoriņa ist Vorstandsvorsitzende der Stiftung Liepāja 2027. Als Projektdirektorin leitete sie die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt. Zuvor war sie Geschäftsführerin des Tourismusinformationsbüros der Region Liepāja.
Text: Nadin Heinich, plan A
Photographie: Heinirch Völkel, Ostkreuz