How to Connect to an uncertain Future?
Wie in den vergangen Jahren fand die Konferenz wieder im House of Communications auf dem iCampus der R&S-Immobilienmanagement im Münchner Werksviertel statt. Offene Atmosphäre, großzügige Kommunikationsbereiche sowie zahlreiche Rückzugsräume und Seminarzimmer mit Teeküche bilden den idealen Rahmen für eine Konferenz mit unterschiedlichen Formaten vom Plenum mit ca. 300 Teilnehmenden bis zum Workshop in Kleingruppen.


In seinem Grußwort betonte Thomas Gloßner, Ministerialdirektor im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, der Thomas Bernreiter vertrat, die zunehmenden Zielkonflikte in der Politik. In unsicheren und ressourcenknappen Zeiten sei eine Priorisierung nötig, die wiederum zu Zielkonflikten führt. Ein Beispiel für mögliche neue Spielregeln in Bayern sei die Einführung des Gebäudetyps e, der gesellschaftliche Vorteile bringt, zivilrechtlich aber zur Belastungsfrage werden kann.


Als Antwort auf das Russland-Thema des Vorabends stellte Elisabeth Diller vom New Yorker Architekturbüro DS+R die Reihenfolge ihrer Projekte spontan um: Sie begann mit der Umstrukturierung eines Grundstücks zum öffentlichen Park direkt neben dem Kreml in Moskau. Als die Planungen des Sarjadje Parks begannen, war das Verhältnis zwischen Russland und der Welt noch friedlicher. Bei seiner Eröffnung 2017 überraschte Vladimir Putin die Architekten zunächst mit seiner Begeisterung für das Projekt. Wie fühlt man sich als Architektin, wenn ein autoritäres Regime das eigene Werk für sich instrumentalisiert? Der Landschaftspark, der auch im Winter unter einem Glasdach die Menschen anzieht, wurde so beliebt, dass es zum Rückzugsort und Liebesnest für Paare wurde. Die prompte Antwort der Medien: Ablehnung als Ort des Verfalls der guten Sitten. Fazit: Architekten sind der öffentlichen Meinung zu einem großen Teil ausgeliefert. Es bleibt aber die Frage, die auf der Konferenz immer wieder auftauchte: Ist es legitim gute öffentliche Räume auch in autokratischen Staaten zu bauen in der Hoffnung, dass sie die Gesellschaft zum Guten verändern?


Über eine Stunde lang stellte Liz Diller weitere weltbekannte Projekte vor, die den Einfluss von einzelnen Akteuren auf die Stadt verdeutlichen. Die Ruine der Highline eine Hochbahntrasse im Meatpacking District in Manhattan sollte abgerissen werden, um den Immobilienwert der umliegenden Grundstücke zu steigern. Stattdessen errichteten Diller Scofidio + Renfo den wohl bekanntesten neuen Landschaftspark weltweit auf dem aufgeständerten Gleiskörper. Der Wert der Nachbargrundstücke stieg durch den Erhalt der Trasse wesentlich höher als durch einen Abriss. Der Highline -Effekt machte in vielen Metropolen der Welt Schule, wie in den 1990er Jahren der Bilbao-Effekt.


Den nördlichen Abschluss der Highline, das Kunstzentrum the Shed entwickelte Elisabeth Diller und ihr Team vier Jahre lang ohne Auftrag und ohne Honorar. Erst als die Pläne fertig waren, fanden sich Investoren, um das riesige Kulturzentrum mit ausfahrbarem Vordach zu realisieren.


Im anschließenden Gespräch mit Martha Thorne, die jahrelang der Jury des Pritzker Preises angehörte, erläuterte Diller wie sensibel das Thema Frauen in der Architektur heute ist. In Doha der Hauptstadt von Quatar errichtete ihr Büro die erste Moschee für Frauen in der arabischen Welt unter einem spektakulären weit geschwungenen Dach. Bis zur Eröffnung durfte nicht über den Bau berichtet werden. Potenzielle frauenfeindliche Gegner sollten nicht zu einer Sabotage des Projekts animiert werden. Das Thema Frauen in der Architektur in unserem Alltag wurde anschließend in einer der Focus Sessions unter der Moderation von Regula Lüscher weiter vertieft.


Welchen Einfluss hat der öffentliche Raum auf die Gesellschaft? Mit dieser Frage begann der Vorreiter der digitalen Stadtplanung und Architektur Carlo Ratti seine Präsentation und verblüffte die Zuhörer mit seiner Antwort: „Wir werden keine Lösungen finden, wenn wir ausschließlich digital kommunizieren.“
Die wachsende Unsicherheit und Veränderungen in der Gesellschaft zeigte er anhand seiner datenbasierten Forschungsprojekte. Er analysierte das E-Mailverhalten vor und nach der Covid-Pandemie an amerikanischen Hochschulen, als es unmöglich war sich im physischen Raum zu treffen. Der Vergleich zwischen Videoaufnahmen aus den 1980 Jahren vom Verhalten der Menschen auf den Plätzen New Yorks mit ihrem Verhalten heute lässt ähnliche Schlüsse zu: die Menschen interagieren weit weniger als früher in einer direkten physischen Kommunikation. Sein Plädoyer: Wir brauchen Sozialverbindungen, so genannte Weak Ties (Robin Dunbar), also schwache Beziehungen, um aus unseren vertrauten Gedankenmustern auszubrechen und andere Meinungen zuzulassen.


Anhand eigener Projekte zeigte Ratti an welchen Orten solche Bekanntschaften gemacht werden können, wo Menschen, die sich vorher nicht kannten miteinander kommunizieren. Als Katalysator sieht er performative Architektur, wie der vom Besucher gesteuerte Wasservorhang des Expo-Pavillons in Zaragoza. Oder der öffentliche Park auf halber Höhe eines Hochhauses in Singapur. Als Vorbild für gemeinsames Erleben von Kultur, Natur und Wasser gilt für den Biennale-Direktor von 2025 noch immer Aldo Rossis Teatro del Mondo von 1980. In Anspielung darauf realisierte er gemeinsam mit Howeler Yoon letzten Sommer eine schwimmende Besucherplatform, die im Anschluss an die Biennale über den Atlantik bis ins brasilianische Belém geschleppt wurde, um auf der Weltklimakonferenz auf die steigenden Meeresspiegel aufmerksam zu machen.

Jedes Mal wenn ich ein Buch herausbringe, bin ich auch bei Architecture Matters.“ Bereits zum vierten Mal ist Reinier de Graaf, Partner im Rotterdamer Architekturbüro OMA zu Gast. Neben seiner aktiven Tätigkeit als Planer hat sich Reinier einen Namen als international renommierter Autor erschrieben. 2017 startete er mit „Four Walls and a Roof, the Complex Nature of a Simple Profession“. 2021 war es die Novelle „The Masterplan“, 2023 „architect,verb“ . Nun also „Architecture against Architecture: a Manifesto“.


Anstelle einer Lesung präsentierte der wortgewandte Architekt seine 14 Thesen für eine bessere Architektenwelt in der Form eines Vortags in suffisantem Englisch. Mit kritischen, teils zynischen, aber immer erhellenden Worten legte er dabei seinen Finger, sprich ein Kapitel seines Manifest in eine Wunde, die vor allem von den Architekten selbst – meist als Tabu verschwiegen wird. Da geht es um den Aufstieg und Fall des Starkults am Beispiel von David Adjaye und die existenziellen Auswirkungen von nach einem Medienskandal auf seine über 100 Mitarbeiter, von denen die Hälfte nach den Medienberichten entlassen wurde – ohne Gerichtsurteil, ohne Bezug zur Firma bzw. die Arbeit des Architekten. Oder das Missverhältnis der Wertsteigerung durch Architektur und das Verhältnis der Gehälter aller am Projekt Beteiligten: Der Architekt landet auf dem letzten Platz!

De Graaf fordert Gewerkschaften für Architekten, die Einführung von Kollektiven, die Abschaffung des Copyrights, das Vertrauen in Künstliche Intelligenz zur Erhaltung des Guten Geschmacks, den Verzicht auf Neubau, solange es Leerstand gibt sowie die Anpassung der Architektur an den Klimawandel, indem man das Wort Nachhaltigkeit aus dem Vokabular streicht. Bei seiner provokantesten Forderung hakte Nadin Heinich am Schluss doch noch nach: Cut out the Middlemen! Die Forderung beinhaltet nichts anderes als Architekten mit den Nutzern direkt zu connecten und alle, die dazwischen Rendite abschöpfen, auszusperren. Das bedeutet nichts geringeres als die Abschaffung der gesamten Immobilienwirtschaft, die mit ihren zahlreichen Vertretern im Publikum saß und erst einmal kräftig schlucken musste.
Im anschließenden Gespräch mit David Basulto, dem Gründer von ArchDaily ging es erneut um die Frage der Moral beim Bauen für Despoten. „Moral wird daran gemessen was man tut und nicht für wen man es tut!“ meint Reinier de Graaf angesichts autokratischer Tendenzen in westlichen Demokratien wie den USA.


Auf der Galerie gab es währenddessen die Möglichkeit Ausgaben von „Architecture against architecture: a manifesto“ zu erwerben und von Reinier de Graaf signieren zu lassen. Elisabeth Diller nahm sich ausgiebig Zeit, um ihre Publikation aus dem Jahr 2024 „Architecture no Architecture“ mit persönlichen Widmungen zu versehen.


Nachbericht: Frank Kaltenbach
Fotos: Iwan Baan & Tanja Kernweiss