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Interview mit Brinda Somaya
Somaya and Kalappa

Für eine Milliarde Menschen können wir nicht alles in Lehm und Bambus bauen

Brinda Somaya war eine der ersten Architektinnen in Indien, die ihr eigenes Büro gründeten. Ein Gespräch über das weitgehende Unverständnis des Westens, die Bedrohung Mumbais durch den Klimawandel, die Grenzen von Erhalt und Umbau sowie die Rolle von Spiritualität in der indischen Gesellschaft.

Brinda Somaya ist Architektin, Planerin, Hochschullehrerin und Denkmalpflegerin.

Nadin Heinich: Sie haben Ihr Büro 1978 gegründet und seitdem mehr als 200 Projekte realisiert – von Neubauten, Hochhäuser eingeschlossen, bis hin zu Denkmalschutzprojekten und dem Wiederaufbau eines vom Erdbeben zerstörten Dorfes. Sie haben zum Beispiel auch den berühmten Rajabai Clock Tower der University of Mumbai aus dem 18. Jahrhundert restauriert. Wie hat sich der Beruf im Laufe der Jahre verändert? In Deutschland geht es immer stärker um Erhalt und Umbau des Bestehenden.

Brinda Somaya: Es ist sehr schwierig, Indien mit einem anderen Land zu vergleichen. Mein Studio hat immer an die Verbindung aus Bestand und Neubau geglaubt. Wir haben auf der einen Seite sehr viele alltägliche Gebäude, die erhalten und gegebenenfalls umgestaltet werden sollten, statt sie abzureißen. Auf der anderen Seite haben wir ein sehr reiches architektonisches Erbe, angefangen von der bronzezeitlichen Indus-Kultur, 2800 bis 1800 vor Christus im heutigen Nordwesten des Landes, die Reiche der Maurya, der Gupta und der Chola mit ihren beeindruckenden Tempeln in Südindien, das Mogulreich und natürlich die Kolonialzeit. Mein Studio hat in den verschiedenen Regionen dieses Landes gebaut, vom Himalaya bis tief in den Süden, vom Osten, in Zentralindien bis hin zur Wüste.

Es gibt viel zu bewahren und zu retten – zugleich haben wir eine riesige, weiter wachsende Bevölkerung, die aufstrebt und bauen will. Wir brauchen Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Fabriken. Wir können nicht nur konservieren. Wir müssen auch neu bauen. Ich bin für Nachhaltigkeit sensibilisiert, ich halte mich für einen Naturschützer. Was mich dennoch beunruhigt: Dass der Westen sehr selektiv auf Indien blickt, große Preise für Architekten in unserem Teil der Welt vergibt, die nur in Lehm oder Bambus bauen. Das funktioniert einfach nicht für eine Milliarde Menschen. Wir haben das Land nicht. Wir müssen auch in die Höhe bauen. Für uns ist am wichtigsten, für unsere Menschen zu sorgen – und nicht, dass eine westliche Zeitschrift ein schönes Lehmgebäude preist.

Natürlich geht es auch darum, wie wir bauen. Aber lassen Sie uns vernünftig damit umgehen. Viele Inder wollen heute ein „Pucca-Haus“ mit einem Dach aus Stahlbeton. Kein Ziegeldach, weil ein Hurrikan die Ziegel wegblasen könnte. Erst ein Haus mit einem Dach aus Beton ist für sie ein richtiges Haus. Wenn es um die Energieversorgung geht, können wir nicht auf Kohle verzichten. Wir haben den größten Solarpark der Welt, den Bhadla Solar Park im Bezirk Jodhpur in Rajasthan. Wir nutzen Windenergie. Wir haben sehr strenge Vorschriften für den Umgang mit Wasser, was meiner Meinung nach in Zukunft eines der größten Probleme in Indien sein wird. Selbst ein reiches Land wie Deutschland kann nicht einfach auf erneuerbare Energien umstellen. Ich glaube, dass der Westen im Großen und Ganzen nicht wirklich versteht, was hier bei uns passiert. Mit Ausnahme einiger weniger. Es ist einfach, uns zu belehren, wenn man selbst alle Phasen der Entwicklung schon durchlebt hat.

Nadin Heinich: Welche Rolle spielt der Klimawandel konkret in Mumbai? Die Stadt liegt am Arabischen Meer, ist an drei Seiten von Wasser umgeben.

Brinda Somaya: Genau wie New York und viele andere Städte an den Küsten ist auch Mumbai bei steigendem Meeresspiegel von Überflutungen bedroht. New York setzt bereits viele Maßnahmen für den Hochwasserschutz um. Wir tun das noch nicht, das steht auf unserer Prioritätenliste noch nicht ganz oben. Wir werden uns dem in Zukunft jedoch stärker widmen müssen. Die sehr starken Regenfälle zum Beispiel, die es gestern und heute gab, hängen eindeutig mit dem Klimawandel zusammen. So viel Regen hatten wir früher zu dieser Jahreszeit nicht.

Nadin Heinich: Mumbai verändert sich rasant. Haben sich Ihrer Meinung nach die Lebensbedingungen für die Menschen hier in den vergangenen Jahrzehnten zum Besseren entwickelt?

Brinda Somaya: Mumbai hatte noch 1950 knapp drei Millionen Einwohner, heute sind es zwölf Millionen sowie 25 Millionen Menschen in der Metropolregion. Natürlich gibt es Probleme, wenn eine Stadt so schnell so stark wächst. Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Migrationswellen in die Stadt, unter anderem auch die Bauarbeiter, die Mumbai mit aufgebaut haben. Es konnte leider nicht ausreichend Wohnraum zur Verfügung gestellt werden, daher entstanden die Slums.

Und doch war Mumbai immer auch eine Stadt der Hoffnung, des Aufstiegs, weil es hier Arbeitsplätze gibt. Diese Stadt zieht Menschen aus den verschiedensten Schichten an, auch heute. Dafür nehmen sie sehr viele Entbehrungen in Kauf. Es ist eine schwierige Stadt für arme Menschen, aber sie eröffnet ihnen die Möglichkeit, ihren Lebensstandard in Zukunft zu verbessern.

Nadin Heinich: Vielfach habe ich gehört, die architektonische Blütezeit Mumbais sei die Zeit des Art Déco, vor allem die 1930er und 1940er Jahre. Und dass ab den 1980er Jahren die Stadt immer mehr von privaten Immobilienunternehmen geprägt wurde.

Brinda Somaya: Es besteht kein Zweifel daran, dass der Immobilienmarkt Mumbai viel von dem genommen hat, was Leute wie wir schätzten. Die schönen alten Gebäude, das Gefühl, welches die niedrigeren Häuser vermittelten, die fein austarierten Proportionen des Art Déco.

Heute ist Sanierung zu einer großen Kontroverse geworden. Die Geschossflächenzahl wurde in den vergangenen Jahren immer weiter erhöht. Boden ist in Mumbai knapp und teuer. Die Entwickler bauen sehr schnell und sehr hoch, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Infrastruktur, auf Wasser- und Stromversorgung oder die Kapazität der Straßen. Dabei geht es gar nicht um den tatsächlichen Zustand eines Gebäudes. Selbst Menschen, die in schönen Häusern leben, wollen „neu entwickeln“, weil sie dann zusätzliche Fläche bekommen können. Die Angebote der Entwickler sind so hoch, viele können nicht widerstehen. Die Gier, immer mehr zu wollen, hat sich durchgesetzt. Und es bezieht sich nicht nur auf professionelle Immobilienunternehmen. Auch private Bauherren beschäftigen sich mit Redevelopment. Sie beauftragen einen Architekten, reißen ab und bauen neu und größer.

Dazu dominiert auf dem Immobilienmarkt inzwischen das Konzept der bewachten Wohnanlagen, die es früher nicht gab. Unsere Wohngebäude lagen an der Straße, meist befanden sich Läden in den Erdgeschossen. Die neuen bewachten Wohnkomplexe sind in sich geschlossen. Die ersten sechs oder sieben Geschosse werden als Parkebenen genutzt, es gibt kein Leben mehr auf der Straße. Sie haben Swimmingpools, Bars, Restaurants – man braucht diese Anlagen nie zu verlassen. Zuerst wurden sie für die obere Mittelschicht konzipiert. Jetzt entstehen diese Wohnkomplexe auch in den Vorstädten, die nicht so teuer sind. Viele Menschen streben diesen Lebensstil an.

Nadin Heinich: Bedeutet „Redevelopment“ in Mumbai heute immer Abriss und Neubau? Findet Umnutzen oder Weiterentwickeln des Bestehenden so gut wie gar nicht mehr statt? Selbst wenn das Gebäude erst zehn Jahre alt ist, es gibt keine Altersgrenze?

Brinda Somaya: Den Bestand weiterzuentwickeln, das war Teil meiner Philosophie. Jetzt ist das verschwunden.

Nadin Heinich: Seit wann ist das so?

Brinda Somaya: In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich das verändert. Es gibt auch heute noch Unternehmen, die historische Gebäude wertschätzen. In den südlichen Stadtvierteln von Mumbai, etwa in Colaba und Fort, eröffnen viele Modeunternehmen wie Hermès oder die Galeries Lafayette ihre Geschäfte in sanierten Altbauten. Es findet also auch eine Gentrifizierung statt. Dazu gibt es in Mumbai viele Milliardäre, die alte Häuser kaufen und restaurieren lassen. Abgesehen davon wird jedoch kein Bauunternehmer ein „gewöhnliches“ Gebäude aus Gründen der Nachhaltigkeit retten. Sie werden es abreißen und so hoch bauen, wie sie können.

Kennen Sie die Geschichte um das Areal der „Cotton Mills“ in Mumbai? Der Stadtteil Lower Parel war historisch bekannt für seine Spinnereien. Er war einst das Herz der Baumwollverarbeitung in Mumbai und beherbergte zahlreiche Baumwollfabriken. Sie machten einen Großteil der städtischen Wirtschaft aus. In den späten 1970er und den 1980er Jahren begann ihr Niedergang. Das führte zu massiven Arbeitsplatzverlusten und brachliegenden Industrieflächen.

Da die einzelnen Grundstücke der Spinnereien unmittelbar aneinandergrenzten, schlug Charles Correa, eine der Schlüsselfiguren der modernen indischen Architektur, den Eigentümern in einem Plan vor: „Lasst uns das gesamte Gebiet als Einheit betrachten. Ein Drittel geben wir an private Entwickler, ein Drittel wandeln wir in einen öffentlichen Park um und auf einem Drittel errichten wir Wohnungen für die ehemaligen Spinnereiarbeiter.“

Die Eigentümer haben sich jedoch dagegen gewehrt. Sie wollten ihre Grundstücke einzeln und zum höchstmöglichen Preis an die Entwickler verkaufen. Es kam zum Rechtsstreit, der bis vor den Obersten Gerichtshof führte. Wir, damit meine ich die Architekten, die an den Correa-Plan glaubten, haben verloren. Deshalb ist das ehemalige Spinnereiareal heute so zersplittert, es gibt keinen zusammenhängend gestalteten öffentlichen Raum. Einige alte Fabriken, inzwischen Ruinen, stehen wegen Rechtsstreitigkeiten immer noch. Diese Entwicklung war paradigmatisch für die weitere Stadtentwicklung Mumbais.

Dennoch bin ich überzeugt, dass wir als Architekten die Entwickler einbeziehen, ihnen ein Gefühl für die Stadt vermitteln müssen. Bei den World Towers im Stadtviertel Worli, die wir für die Lodha Group entworfen haben, führte eine Straße über das Grundstück. Wir haben Abhishek Lodha empfohlen, diese Straße beizubehalten, die Menschen nicht abzuschneiden. Auf der einen Seite der Straße hat er dann einen öffentlichen Park angelegt, auf der anderen Seite die Hochhäuser gebaut. Auch das war das Areal einer ehemaligen Baumwollspinnerei.

Nadin Heinich: Sie haben sich immer für Frauen eingesetzt. Gab es bestimmte Ereignisse, die Sie besonders geprägt haben? Hat die Stadt Mumbai dabei eine Rolle gespielt?

Brinda Somaya: Ich gründete mein Büro in den späten 1970er Jahren, zunächst mit meiner Schwester, dann führte ich es allein weiter. Es gab damals nur sehr wenige Frauen, die ihr eigenes Büro eröffneten. Viele arbeiteten mit ihren Ehemännern, Vätern oder anderen Partnern zusammen. Nicht von einem Mann in der unmittelbaren Umgebung abhängig zu sein – das war ungewöhnlich. Ich liebte leidenschaftlich, was ich tat. Mumbai war eine sehr fortschrittliche Stadt. Man war bereit, mir als junger Frau Aufträge zu erteilen. Dafür bin ich Mumbai dankbar. Ich glaube nicht, dass das in irgendeiner anderen Stadt in Indien so möglich gewesen wäre.

Und ja, es gab einige Erlebnisse, die mich dazu gebracht haben, mich für Frauen zu engagieren. Früh in meinem Berufsleben – ich war im neunten Monat schwanger, es war ein Donnerstag, der Geburtstermin war für Samstag angesetzt – musste ich auf einer Baustelle auf ein Dach klettern. Meine Mutter war sehr wütend auf mich und begleitete mich daher zur Baustelle. Damals gab es viele Frauen, die auf dem Bau arbeiteten, auch körperlich sehr anstrengende Aufgaben übernahmen. Als ich auf dem Dach stand, waren dort sehr viele Frauen, die mich mit so viel Mitgefühl ansahen. Da habe ich beschlossen, auch etwas für sie zu tun, nicht nur für Architektinnen, sondern für Frauen auf dem Bau. Von da an gab es zum Beispiel auf allen unseren Baustellen für Frauen eine Toilette, es gab Strom und die Möglichkeit, sich zu waschen.

Unabhängig davon beschloss ich im Jahr 2000, eine Konferenz für Architektinnen aus Südasien zu veranstalten. Frauen aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka, die ihr eigenes Büro hatten, jedoch kaum sichtbar waren. Bei meinem ersten Versuch im Jahr 1990 hatte ich noch kaum Antworten auf meine Anfragen bekommen. Zehn Jahre später war die Resonanz überwältigend. Es hatte sich so viel verändert. 2020 organisierte ich dann mit meiner Tochter „Women in Design“. Wir fassten das Spektrum etwas weiter: Zusätzlich zu Architektinnen luden wir auch Frauen aus dem Journalismus und der Fotografie ein. Es war eine wunderbare Konferenz.

Zur Person: Brinda Somaya ist Architektin, Planerin, Hochschullehrerin und Denkmalpflegerin. 1978 eröffnete sie ihr Büro Somaya and Kalappa Consultants in Mumbai. Sie ist Gründungsmitglied und Treuhänderin der HECAR Foundation, die sich dem Kulturerbe, der Bildung und der Restaurierung widmet und im Jahr 2000 die erste Konferenz und Ausstellung „Frauen in der Architektur“ in Südasien veranstaltete. 2004 wurde sie für die Restaurierung der St. Thomas Cathedral aus dem 18. Jahrhundert in Mumbai mit dem UNESCO Asia-Pacific Heritage Award ausgezeichnet. Brinda Somaya studierte am Sir J.J. College of Architecture in Mumbai und am Smith College in Northampton, Massachusetts. 2012 erhielt sie die Ehrendoktorwürde des Smith College.

Text: Nadin Heinich
Fotos: Sergei Ponomarjow