Ivan Liptuga, ehemaliger Kulturbeauftragter im Stadtrat von Odesa, über den Beschuss des historischen Zentrums, die politische Sprengkraft von Straßennamen und Denkmälern – und über die Herausforderung, das vielschichtige kulturelle Erbe der Hafenstadt im Krieg zu bewahren.

Ivan Liptuga: Ich habe Ihnen eine Karte von Odesa mitgebracht. Hier ist die Unesco-Kernzone markiert, die weitgehend dem Gebiet des Porto Franco des 19. Jahrhunderts entspricht, und die Pufferzone, die das Welterbe schützt. Auf dieser Karte dokumentieren wir auch die russischen Angriffe auf das historische Zentrum: Seit Januar 2023 wurde das Welterbegebiet wiederholt großflächig attackiert; rund 170 denkmalgeschützte Gebäude wurden bislang beschädigt, darunter die großen Museen der Stadt, wie das Archäologische Museum, das Nationale Kunstmuseum, das Maritime Museum oder die Verklärungskathedrale. Wo übernachten Sie in Odesa?
Nadin Heinich: Im Bristol.
Ivan Liptuga: Im Bristol? Sie wissen, dass das Hotel im Januar bei einem Raketenangriff schwer beschädigt wurde?
Nadin Heinich: Ja. Es hat gerade wieder eröffnet, wenn auch noch nicht alle Etagen. Wir gehören zu den ersten Gästen.
Ivan Liptuga: Es bleibt ein großes Rätsel, warum ausgerechnet das Bristol getroffen wurde. Es liegt mitten in der Unesco-Zone – ein Baudenkmal, umgeben von anderen Baudenkmälern, wie der Philharmonie. Der Angriff war Präzisionsarbeit. Freitagabend, sieben Uhr. Drei Raketen trafen das Hotelinnere, vor allem den großen Konferenzbereich. Die Fassade blieb fast unversehrt, bis auf zerbrochene Fenster. Der große Saal galt als einer der wenigen zertifizierten Schutzräume der Stadt; viele internationale Organisationen hielten hier ihre Veranstaltungen ab. Für viele Odesiter war dieser Angriff ein Schock. Wir erleben inzwischen jede Nacht Drohnenangriffe. Die schweren Schläge richten sich vor allem gegen den Hafen, die Energieinfrastruktur oder militärische Einrichtungen. Aber das Bristol? In diesem Krieg gibt es mehr Fragen als Antworten. Ich kann darin keine Logik erkennen.

Nadin Heinich: Haben Sie diesen Krieg erwartet?
Ivan Liptuga: Ich bin 1979 geboren, noch in der Sowjetunion, und war bis 1991 Pionier. Ich weiß, was kommunistische Erziehung bedeutete. Meine Kinder verstehen sich heute viel selbstverständlicher als Ukrainer als meine Generation oder die meiner Eltern. Aus europäischer Perspektive mochte die Sowjetunion seltsam erscheinen. Aber Putin und das heutige Russland haben mit jener Welt aus meiner Sicht nichts mehr zu tun. Er hat das Erbe früherer Generationen diskreditiert – für Jahrhunderte zurück und vielleicht auch für Jahrhunderte nach vorn. Russland zerstört nicht nur seine Nachbarländer. Es greift unsere Grundvorstellungen von Recht, Sicherheit und Ordnung an. Seine Botschaft lautet: Wir tun es, weil wir es können – und weil uns niemand aufhält.
Odesa war immer eine überwiegend russischsprachige Stadt. Als Beamter im Stadtrat muss ich in der offiziellen Kommunikation Ukrainisch verwenden. Innerhalb der Familie, unter Freunden sprechen wir alle Russisch. Mit Russland gab es über Jahrzehnte enge Verflechtungen auf allen Ebenen – der Eisenbahn, der Häfen, auf Messen, in der Literatur. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein solcher Krieg entstehen würde. Ich selbst habe es nicht geglaubt, nicht einmal im Januar 2022. Was seit 2014 auf der Krim und im Osten der Ukraine geschah, wirkte auf viele eher wie eine Kette von Provokationen und politischen Manövern, nicht wie der Vorabend einer Vollinvasion. Und noch weniger hätten wir gedacht, dass die Ukraine sich als so widerstandsfähig und ausdauernd erweisen würde.
Nadin Heinich: Wie setzen Sie Prioritäten zwischen Sofortmaßnahmen und langfristigen Strategien, um den historischen Gebäudebestand zu erhalten?
Ivan Liptuga: Kurzfristig verfügen wir nur über sehr begrenzte Ressourcen. Ein Teil des kommunalen Budgets fließt in die Unterstützung der Verteidigung, zugleich müssen wir der Bevölkerung bei der Behebung von Kriegsschäden helfen. Tausende Familien haben ihre Wohnungen verloren oder leben in beschädigten Häusern, und niemand weiß, wann dieser Krieg enden wird. Wir schaffen neue Unterkünfte, kümmern uns um Veteranen und arbeiten daran, die Stadt barrierefreier zu machen. Im Moment liegt unser Fokus auf dem Überleben.

Nadin Heinich: In der Sowjetunion war Privateigentum an städtischem Wohnraum stark eingeschränkt. Nach der Massenprivatisierung der 1990er Jahre ist der Wohnungsbestand in der Ukraine heute überwiegend privat. Wem gehören die Gebäude im historischen Zentrum?
Ivan Liptuga: Die Privatisierung war meist kein klassischer Kauf. Viele Wohnungen gingen damals an die Menschen über, die bereits in ihnen lebten. Deshalb ist die Eigentumslage heute sehr gemischt: Ein Teil der Gebäude beziehungsweise Wohnungen gehört privaten Eigentümern, anderes bleibt in öffentlicher Hand – beim Staat, bei der Region oder bei der Stadt. Gerade im historischen Zentrum ist diese Gemengelage besonders komplex.

Nadin Heinich: Da die Innenstadt zum Unesco-Welterbe gehört: Gibt es einen speziellen Fonds, der bei der Restaurierung der Gebäude hilft?
Ivan Liptuga: Die Unesco ist keine Finanzinstitution, sondern eine zwischenstaatliche Organisation, die Normen setzt und Empfehlungen formuliert. Einen Fonds, der die Restaurierung des gesamten historischen Bestands finanzieren könnte, gibt es nicht – dafür wären enorme Summen nötig. Allerdings gibt es internationale Unterstützung für einzelne Projekte. Mit solcher Hilfe arbeiten wir derzeit auch an den Grundlagen, unter anderem an einer besseren Erfassung dessen, was überhaupt gesichert werden muss.
Zu Sowjetzeiten wurden viele Gebäude nur oberflächlich instand gesetzt, meist an den Fassaden. Heute liegt die Verantwortung für Reparaturen oft bei den Eigentümern beziehungsweise den Hausverwaltungen. Doch viele Bewohner können diese Last kaum tragen – gerade ältere Menschen oder Familien mit geringen Einkommen. Deshalb bleibt vieles liegen, was eigentlich längst gemacht werden müsste. Und am Ende landet all das wieder bei der Stadt. Für die Verwaltung ist das schon in Friedenszeiten schwer zu bewältigen – unter Kriegsbedingungen erst recht.


Nadin Heinich: Was bedeutet es konkret, dass das historische Stadtzentrum von Odesa Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist?
Ivan Liptuga: Vor allem internationale Sichtbarkeit und politischen Schutz. Dadurch hat sich viel verändert. Odesa bemühte sich seit 2008 um eine Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste, wurde jedoch mehrfach abgelehnt. Die Unesco-Zone ist sehr groß, einschließlich einiger unharmonischer Gebäude unter anderem aus Sowjetzeiten. Erst unter den Bedingungen des Krieges wurde das Verfahren beschleunigt. Seit Januar 2023 steht Odesa nun auf der Welterbeliste und zugleich auf der Liste des gefährdeten Welterbes. Die Welterbekonvention von 1972 verpflichtet die Vertragsstaaten, keine vorsätzlichen Maßnahmen zu ergreifen, die Kultur- oder Naturerbe auf dem Gebiet anderer Staaten direkt oder indirekt beschädigen könnten. Gerade deshalb ist die Rolle Russlands in diesem System so offensichtlich widersprüchlich.
Im Juli 2025 wurde in Rom ein Regierungsabkommen mit Italien unterzeichnet, das die Restaurierung von sechs Kulturdenkmälern in Odesa vorsieht, darunter das Nationale Kunstmuseum, das Museum für westliche und östliche Kunst, die Philharmonie und der Hochzeitspalast. Im Zontag-Haus am Prymorskyi-Boulevard soll ein Unesco-Zentrum zur Koordination des Welterbeschutzes entstehen. Hinzu kommen weitere Kooperationen auf kommunaler Ebene, unter anderem mit Venedig, Rom und Genua.
Die Unesco setzt, wie erwähnt, Standards und spricht Empfehlungen aus. Anschließend ist es Aufgabe der staatlichen und kommunalen Stellen, das Schutz- und Planungsrecht so auszugestalten, dass es den Anforderungen der Welterbekonvention entspricht. Mit der Aufnahme des historischen Zentrums in die Welterbeliste wurde nicht jedes einzelne Gebäude automatisch zu einem Denkmal von nationaler Bedeutung; geschützt wird vielmehr das historische Zentrum als Ensemble von außergewöhnlichem universellem Wert. Die bestehenden Einzeldenkmäler und Schutzstufen bleiben bestehen. Wer heute in dieses sensible Gefüge eingreifen will, braucht – je nach Lage und Art des Vorhabens – die Zustimmung der jeweils zuständigen kommunalen, regionalen oder staatlichen Denkmalschutzbehörden.


Nadin Heinich: Von allen gleichzeitig?
Ivan Liptuga: Nicht immer von allen zugleich, aber oft von mehreren Ebenen. Das Problem ist, dass derzeit alte und neue Regelungen nebeneinander bestehen. Der Hafen ist ein Industriestandort mit Eisenbahn, Schiffen und Terminals und wird regelmäßig angegriffen, um unsere Infrastruktur zu zerstören. Zugleich ist der Hafenbereich in den Unesco-Unterlagen der Pufferzone zugeordnet. Wenn dort nach einem Angriff Schäden entstehen – etwa an einem Containerterminal oder an der Bahninfrastruktur –, müssen die Betreiber die Maßnahmen im staatlichen digitalen Bausystem anmelden. Vorhaben, die Denkmäler, ihre Schutzzonen oder historische Siedlungsgebiete betreffen, werden von den zuständigen Denkmalschutzbehörden geprüft. Solange diese Prüfung nicht erfolgt ist, läuft das Verfahren nicht regulär weiter – auch wenn es unter Kriegsrecht Erleichterungen gibt.

Nadin Heinich: Die Umbenennung der Straßen mit russischen oder sowjetischen Namen ist ein äußerst heikles Thema hier in Odesa …
Ivan Liptuga: Diese Umbenennungen waren nicht unser eigener Impuls. Die rechtliche Grundlage kam 2023 aus Kyjiw, als das Parlament das Gesetz zur Dekolonisierung verabschiedete.
Nadin Heinich: Aber wenn das Parlament es beschlossen hat, entspricht es doch dem Willen der Ukrainer …
Ivan Liptuga: Die offizielle, rund 230-jährige Geschichte dieser Stadt ist eng mit russischer Kultur verknüpft. Namen von Wissenschaftlern, Schriftstellern, Musikern, Industriellen oder Mäzenen, die hier lebten und wirkten, sind tief in das Gedächtnis Odesas eingeschrieben. Seit 2014 gab es mehrere gesetzliche Schritte zur Dekolonisierung des öffentlichen Raums; das Gesetz von 2023 verschärfte diese Entwicklung noch einmal. Alles, was als Verherrlichung Russlands, russischer imperialer Politik oder ihrer Repräsentanten gelesen werden kann, soll aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Die Folge war, dass in kurzer Zeit eine große Zahl von Straßennamen geändert werden musste. Hinzu kommt eine Liste von Denkmälern, die entfernt oder verlegt werden sollen.

Nadin Heinich: Haben Sie sich an die Bedrohung hier in Odesa gewöhnt?
Ivan Liptuga: An Explosionen kann man sich nicht gewöhnen. Im März wurde auch der Ort, in dem ich wohne, angegriffen. Ich lebe außerhalb der Stadt, in der Nähe des Hafens von Tschornomorsk. Seit Kriegsbeginn gab es immer wieder Angriffe auf die Hafen- und Energieinfrastruktur, doch diesmal traf es unmittelbar unser Umfeld. Um uns herum Brände, schreiende Menschen, unser Nachbar wurde getötet – daran gewöhnt man sich nicht.
Dieser Krieg ist auf eine beunruhigende Weise modern. Wir haben unzählige Apps, verfolgen in Echtzeit, was wohin fliegt, wissen fast sofort Bescheid. Aber natürlich gibt es keine Garantie. Wer hätte sich vorstellen können, dass drei ballistische Raketen das Bristol treffen würden – ein Fünf-Sterne-Hotel mitten im Zentrum, im Herzen der Unesco-Zone, direkt bei der Philharmonie? Für mich war das immer einer der sichersten Orte in Odesa. Inzwischen kann ich mir vorstellen, dass sie auch auf das Opernhaus schießen.

Odesa ist jünger, als ihr Mythos vermuten lässt – und zugleich älter als Katharina die Große. Der Name „Odesa“ taucht erstmals in einem Dokument vom 21. Januar 1795 auf. 1792 war das Gebiet mit dem Frieden von Jassy an das Russische Kaiserreich gefallen, 1794 verfügte Katharina II. den Bau eines Militärhafens und einer Handelsanlegestelle im damals Khadzhibei genannten Ort. Unter der Leitung des Offiziers José de Ribas begannen am 2. September 1794 die Arbeiten an Hafenanlagen und Kathedrale – ein Datum, das Odesa bis heute als Tag der Stadt feiert.
Die neue Stadt entstand nicht auf „leerem Land“. Khadzhibei war seit dem frühen 15. Jahrhundert als Gründung des Krim-Khans Hacı Bey belegt, mit Burg, Moschee, muslimischem Friedhof, Tavernen und einem bereits bedeutenden Getreidehafen. Die Siedlung wechselte vom Krim-Khanat zum Großfürstentum Litauen, später zum Osmanischen Reich – erst danach übernahm Russland die Region. Die imperiale Erzählung von der „Gründung“ Odesas durch Katharina blendet diese Vorgeschichte aus.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Odesa zur aufstrebenden Hafen- und Handelsstadt des Zarenreichs. Entscheidend waren der Erfolg des Hafens, eine liberale Verwaltungspolitik und der Status als Freihafen von 1819 bis 1859. Gouverneure wie der französischstämmige Herzog von Richelieu, von 1803 bis 1814 Stadtoberhaupt, und später Graf Michail Woronzow, Generalgouverneur von Neurussland und Bessarabien, ließen ein streng rechtwinkliges Straßennetz anlegen, engagierten westliche Ingenieure und Ärzte und gründeten Theater, Bibliothek, Lyzeum und wissenschaftliche Gesellschaften. Der Handel mit Getreide und anderen Gütern zog Deutsche, Griechen, Juden, Italiener, Ukrainer, Russen, Armenier und viele andere an. Das kosmopolitische Odesa wurde zur viertgrößten Stadt im Russischen Kaiserreich – nach St. Petersburg, Moskau und Warschau. Bis heute gilt diese Epoche als das „goldene Zeitalter“ der Stadt.
Gerade darin liegt die Brisanz der heutigen Debatten: Das goldene Zeitalter Odesas war untrennbar in eine imperiale Ordnung eingebettet. Mit dem 2023 vom ukrainischen Parlament verabschiedeten Gesetz „Über die Verurteilung und das Verbot der Propaganda der russischen imperialen Politik in der Ukraine und die Dekolonisierung der Toponymie“ wurden die Kommunen verpflichtet, Namen, Symbole und Denkmäler aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, die mit dem Russischen Kaiserreich, der Sowjetunion oder der heutigen Russischen Föderation verbunden sind.
Zur Person: Ivan Liptuga war bis November 2025 Direktor der Abteilung für Kultur, internationale Beziehungen und europäische Integration im Stadtrat von Odesa und koordinierte die Bemühungen zum Schutz des historischen Stadtzentrums. Der Jurist und Wirtschaftswissenschaftler ist Vorsitzender der Nationalen Tourismusorganisation der Ukraine.
Text: Nadin Heinich, plan A
Photographie: Heinrich Völkel