Mobile Einheiten der Luftabwehr gibt es in der Ukraine bei den Streitkräften, der Nationalgarde und beim staatlichen Grenzschutz. Sie wurden als Reaktion auf die massiven russischen Drohnenangriffe aufgebaut. Ihre Aufgabe: vor allem russische Angriffsdrohnen – häufig Shahed-131 und 136 – aufzuspüren und abzuschießen. Je nach Einheit und Einsatzlage sind sie mit schweren Maschinengewehren (z. B. M2-/Browning-Typ, DShK) ausgerüstet, teils auch mit Flugabwehrkanonen oder tragbaren Flugabwehrraketen (MANPADS) wie Stinger oder Mistral. Die Waffen sind meist auf Fahrzeugen montiert, oft auf Pickups. Häufig gehören leistungsstarke Scheinwerfer dazu, um Ziele nachts sichtbar zu machen.

Nadin Heinich: Sie arbeiten als Team?
Nazar: Meist sind wir zu dritt: ein Schütze, ein Assistent und ein Koordinator, der den Kontakt zur Leitstelle hält. Wir arbeiten in Schichten, die Teams wechseln.
Nadin Heinich: Die mobilen Abwehreinheiten gehören zum Grenzschutz. Was bedeutet das in Odesa?
Nazar: Der Grenzschutz untersteht dem Innenministerium und hat mehrere Aufgaben, nicht nur die mobile Luftverteidigung. Wir sichern die Grenze und den grenznahen Raum. In der Region Odesa betrifft das zum Beispiel Küstenabschnitte, Hafenbereiche und Zufahrten. Wir sind auch auf dem Wasser präsent und unterstützen dort, wo es um Sicherheit und Abwehr im Küstenraum geht – je nach Lage auch gegen unbemannte Systeme. Und: Als Grenzschutz übernehmen wir im Krieg zudem Kampfeinsätze, wenn es in Grenzregionen zu Gefechten kommt. In Gebieten wie Donezk oder Sumy sind Einheiten von uns an der Front im Einsatz.
Nadin Heinich: Vergangene Woche, am 13. Dezember, gab es einen der schwersten russischen Angriffe auf Odesa seit Kriegsbeginn. Jetzt gerade ist wieder Luftalarm. Wie sieht Ihr Alltag aus – können Sie planen?
Nazar: Nur begrenzt. Seit der Vollinvasion wissen wir, wozu der Gegner fähig ist. Trotzdem war der massive Angriff am 13. Dezember – vor allem auf die Energieinfrastruktur – hart. Normalerweise ruht ein Teil, während der andere im Dienst ist. Bei großen Angriffswellen geht das kaum: Dann müssen alle dauerhaft bereit sein.

Nadin Heinich: Arbeiten Sie eher nachts?
Nazar: In der aktuellen Lage kann es passieren, dass wir eine ganze Schicht – bis zu 24 Stunden am Stück – durchgehend beschäftigt sind. Nadin Heinich: Drohnentechnologie entwickelt sich extrem schnell. Wie hat sich der Krieg und damit Ihre Arbeit seit 2022 verändert? Nazar: Die Arbeitsbelastung hat sehr stark zugenommen und der Umfang der Aufgaben. Ich war bereits vor dem Krieg beim Grenzschutz. Früher ging es für uns hauptsächlich um Grenzsicherung. Großflächige Drohnenangriffe gab es so nicht. Heute müssen wir zusätzlich den Luftraum im Blick haben. Drohnen werden reichweitenstärker und die Taktik ändert sich ständig. Unsere Gegenmaßnahmen entwickeln sich ebenfalls weiter. Ich kann nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber ein Beispiel sind Abfangdrohnen: schnelle FPV-Drohnen, die als Interceptor eingesetzt werden, um Angriffsdrohnen wie die Shaheds zu stellen und zu zerstören. Und es gibt noch eine andere Gefahr: Gegnerische Aufklärer oder kleine Gruppen können weit hinter der Front operieren – auch getarnt in ziviler Kleidung.
Nadin Heinich: Sind Sie selbst oft Ziel von Angriffen?
Nazar: In einem Krieg sind grundsätzlich alle Militärangehörigen potenzielle Ziele. Weil wir Drohnen abschießen – auch dann, wenn sie nicht Odessa angreifen, sondern „nur“ durchfliegen – sind wir für die Russen ein relevantes Ziel. Gleichzeitig liegt ihre Priorität derzeit sehr oft auf der Zerstörung von Energieinfrastruktur. Für uns ist der Dienst seit der Vollinvasion insgesamt gefährlicher geworden.
Nadin Heinich: Wie alt sind Sie?
Nazar: 24
Text: Nadin Heinich
Fotos: Heinrich Völkel
Odesa ist jünger, als ihr Mythos vermuten lässt – und zugleich älter als Katharina die Große. Der Name „Odesa“ taucht erstmals in einem Dokument vom 21. Januar 1795 auf. 1792 war das Gebiet mit dem Frieden von Jassy an das Russische Kaiserreich gefallen, 1794 verfügte Katharina II. den Bau eines Militärhafens und einer Handelsanlegestelle im damals Khadzhibei genannten Ort. Unter der Leitung des Offiziers José de Ribas begannen am 2. September 1794 die Arbeiten an Hafenanlagen und Kathedrale – ein Datum, das Odesa bis heute als Tag der Stadt feiert.
Die neue Stadt entstand nicht auf „leerem Land“. Khadzhibei war seit dem frühen 15. Jahrhundert als Gründung des Krim-Khans Hacı Bey belegt, mit Burg, Moschee, muslimischem Friedhof, Tavernen und einem bereits bedeutenden Getreidehafen. Die Siedlung wechselte vom Krim-Khanat zum Großfürstentum Litauen, später zum Osmanischen Reich – erst danach übernahm Russland die Region. Die imperiale Erzählung von der „Gründung“ Odesas durch Katharina blendet diese Vorgeschichte aus.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Odesa zur aufstrebenden Hafen- und Handelsstadt des Zarenreichs. Entscheidend waren der Erfolg des Hafens, eine liberale Verwaltungspolitik und der Status als Freihafen von 1819 bis 1859. Gouverneure wie der französischstämmige Herzog von Richelieu, von 1803 bis 1814 Stadtoberhaupt, und später Graf Michail Woronzow, Generalgouverneur von Neurussland und Bessarabien, ließen ein streng rechtwinkliges Straßennetz anlegen, engagierten westliche Ingenieure und Ärzte und gründeten Theater, Bibliothek, Lyzeum und wissenschaftliche Gesellschaften. Der Handel mit Getreide und anderen Gütern zog Deutsche, Griechen, Juden, Italiener, Ukrainer, Russen, Armenier und viele andere an. Das kosmopolitische Odesa wurde zur viertgrößten Stadt im Russischen Kaiserreich – nach St. Petersburg, Moskau und Warschau. Bis heute gilt diese Epoche als das „goldene Zeitalter“ der Stadt.
Gerade darin liegt die Brisanz der heutigen Debatten: Das goldene Zeitalter Odesas war untrennbar in eine imperiale Ordnung eingebettet. Mit dem 2023 vom ukrainischen Parlament verabschiedeten Gesetz „Über die Verurteilung und das Verbot der Propaganda der russischen imperialen Politik in der Ukraine und die Dekolonisierung der Toponymie“ wurden die Kommunen verpflichtet, Namen, Symbole und Denkmäler aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, die mit dem Russischen Kaiserreich, der Sowjetunion oder der heutigen Russischen Föderation verbunden sind.