
Nadin Heinich: Odesa ist weder klassische Frontstadt noch sichere Metropole. Wie würden Sie ihren militärischen Status beschreiben – und wo ist die Stadt am verwundbarsten?
Oleksandr Kovalenko: Odesa ist das maritime Tor des Landes: Das Hafencluster aus Odesa, Chornomorsk und Pivdennyi ist für den ukrainischen Handel und unsere Exporte zentral. 2022 war Odesa für Russland ein Schlüsselziel: Wer die Küste kontrolliert, schneidet die Ukraine vom Meer ab.
Deshalb gab es von Beginn an Druck aus zwei Richtungen: den Landvorstoß über den Süden – und zugleich die Drohung, vom Meer her zu landen. In den ersten Kriegswochen standen aus russischer Sicht zwei Ziele im Vordergrund: unsere Luftabwehr zu schwächen und die Küstenverteidigung zu neutralisieren, insbesondere das Anti-Schiff-System Neptun.
Als klar wurde, dass Odesa nicht „schnell“ einzunehmen ist, gewann die Schlangeninsel enorme Bedeutung: Von dort lässt sich der Verkehr im nordwestlichen Schwarzen Meer beeinflussen – und damit der Zugang zu Odesa und den Seewegen. Russland hielt die Insel, um die Blockade zu stützen.
Der Rückzug Russlands am 30. Juni 2022 war deshalb ein wichtiger Einschnitt. Ein weiterer Wendepunkt war das Sinken des russischen Lenkwaffenkreuzers Moskwa, Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, am 14. April 2022. Die Moskwa wurde von Neptun-Seezielflugkörpern getroffen, danach agierte die russische Flotte deutlich vorsichtiger nahe der ukrainischen Küste.
Zusammengefasst: Der Hafen ist wirtschaftlich zentral – und militärisch ein dauernder Angriffsvektor. Das Meer ist zugleich Chance und größte Schwachstelle: Küstenraum, Hafeninfrastruktur und die Seewege bleiben verwundbar, auch weil der Druck nicht nur von Schiffen kommt, sondern vor allem aus der Luft. Wenn sie zum Beispiel Kyjiw angreifen, müssen die Drohnen weite Strecken über Land und mehrere Regionen überfliegen. Ein Teil wird auf diesem Weg bereits abgeschossen oder gestört. Bei Odesa ist das häufig anders. Viele Drohnen starten von der besetzten Krim aus über das Meer. Wir haben keine so gute Luftabwehr wie in Kyjiw. Politisch macht das Sinn, Kyjiw ist die Hauptstadt.

Nadin Heinich: Wie hat sich der Einsatz von Drohnen seit Beginn des Krieges verändert?
Oleksandr Kovalenko: Das Basismodell ist weiterhin die Shahed-136 – in russischer Bezeichnung meist Geran-2.
Aber Russland entwickelt diese Drohne laufend weiter. Aus einer anfangs iranischen Lieferung ist seit 2023 zunehmend eine russische Produktion geworden, mit eigenen Bauteilen, Elektronik und Anpassungen.
Es gibt inzwischen zahlreiche Modifikationen: Sie versuchen, die Drohnen gegen unsere elektronische Kampfführung robuster zu machen – etwa durch stabilere Verbindungs- und Navigationsmodule. Außerdem differenzieren sie die Rollen innerhalb eines Angriffs: Neben den „normalen“ Angriffsdrohnen tauchen Varianten auf, die unterstützen, zum Beispiel durch Aufklärung, durch das Sammeln von Informationen über Störquellen und durch Repeater-Funktionen, um Verbindungen innerhalb eines Schwarms zu stabilisieren, wenn wir versuchen, Signale zu stören.
Nadin Heinich: Und die Ukraine? Gibt es bei Ihnen ähnlich viele Modifikationen?
Oleksandr Kovalenko: Wir entwickeln unsere Drohnen ebenfalls weiter – und wir skalieren Angriffe auf russisches Gebiet: mehr Ziele, mehr Einsätze, höhere Schlagzahl. Aber in dieser Größenordnung passiert das erst seit 2025. Russland macht das von Beginn an. 2022 haben wir solche Angriffe fast gar nicht durchgeführt, 2023 etwas mehr. Dann kamen neue Typen und größere Reichweiten.
Nadin Heinich: Warum nicht früher – fehlte die Technologie?
Oleksandr Kovalenko: Gute Frage. 2022 waren wir im Drohnenkrieg noch nicht gut aufgestellt, und wir haben das Potenzial unterschätzt. Selbst viele im Militär haben nicht erwartet, dass Drohnen so kriegsentscheidend werden. Wenn man die Front betrachtet – mit vielen Systemen, Panzerung, Waffen – ist die Shahed-136 dort ein eher schwaches Mittel: Sie ist relativ leicht zu bekämpfen und auf stationäre Ziele ausgelegt, während die Front dynamisch ist. Als Waffe gegen das Hinterland ist sie dagegen sehr wirksam, gegen Energie, Logistik und zivile Infrastruktur. Anfangs setzten die Russen dafür teure Raketen ein, später zunehmend die deutlich billigeren Shaheds.
Nadin Heinich: Auf welche Weise wirken Drohnen, ballistische Raketen und Marschflugkörper inzwischen zusammen?
Oleksandr Kovalenko: Bei den kombinierten Angriffen binden und ermüden die Drohnen die Luftabwehr. Danach folgen Raketen – ballistische und aeroballistische – sehr schnell, mit sehr kurzer Vorwarnzeit. Deshalb hört man manchmal zuerst die Explosion, dann den Alarm. Von der Krim aus sind Ziele wie Odesa in wenigen Minuten erreichbar. In Kyjiw stehen Patriot-Systeme, die solche Ziele abfangen können; in Odesa haben wir das nicht. So ist die Stadt gegen Ballistik nur sehr begrenzt geschützt – wie die meisten ukrainischen Städte. Die Zeit ist einfach extrem kurz.
Nadin Heinich: Wie oft geschieht das?
Oleksandr Kovalenko: Es gibt keine laufende öffentliche Gesamtstatistik nur für Odesa. Ballistische Angriffe kommen wiederholt vor – oft in Wellen. Zuletzt in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 2025, vor vier Tagen.

Nadin Heinich: Was ist das wichtigste Ziel dieser Angriffe, der Hafen?
Oleksandr Kovalenko: Wenn ich es exakt wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen. Aber wenn nach einem Angriff eine ganze Region, Odesa eingeschlossen, ohne Strom ist, spricht vieles für Energieinfrastruktur als Ziel.
Nadin Heinich: Wie hat der Drohneneinsatz die Frontlinie und das Gebiet verändert?
Oleksandr Kovalenko: Die Gefahrenzone ist nicht mehr nur die Front. Drohnen ziehen sie tief nach hinten – bis in Räume, die früher als relativ sicher galten. Wegen der FPV-Drohnen sprechen viele inzwischen von einer „Killzone“: dem Korridor, in dem kleine, schnelle Systeme ständig zuschlagen können, besonders gegen Fahrzeuge, Nachschub, einzelne Stellungen. Man muss dabei unterscheiden: Langstrecken-Drohnen wie Shahed – und daneben Shahed-ähnliche Varianten wie Gerbera – verändern nicht die Frontlinie selbst, aber sie erweitern den Krieg in die Tiefe. Ihre Reichweite ist groß; prinzipiell reichen sie bis weit nach Mitteleuropa. Es gab bereits Vorfälle, bei denen russische Drohnen polnischen Luftraum verletzten.
An der eigentlichen Front dominieren taktische Drohnen: klein, billig, massenhaft. Klassisch fliegen sie etwa 15 bis 20 Kilometer. Glasfasergeführte FPV-Drohnen können, weil sie schwer zu stören sind, deutlich weiter reichen, teils über 40 Kilometer. Der Nachteil: Reißt oder verhakt sich das Kabel, ist die Verbindung weg. Dazu kommen größere Angriffsdrohnen, die schwerere Ladungen tragen und mehr als 50 Kilometer schaffen – etwa Systeme wie Privet-82, eine russische Kamikazedrohne („Privet“ = „Hallo“, sie tragen oft ironische Namen). Diese Klasse trifft besonders die Hinterfront: Sammelpunkte, Depots, Fahrzeugparks, Rotationsräume. Städte wie Kramatorsk, aktuell etwa 20 bis 25 Kilometer hinter der Front, spüren genau das.
Das Interessante ist: In diesen Drohnen steckt sehr viel Importtechnologie, vor allem aus China. Russisch ist – überspitzt gesagt – oft nur das Gehäuse.
Bei uns gibt es dafür eine derbe Redewendung: „aus Blech und Stöcken zusammengeschustert“. Schlüsselkomponenten, Elektronik, teilweise sogar Produktionsausrüstung kommen von außen. Ohne diese Zulieferungen wäre Russlands Kriegsindustrie viel früher an Grenzen gestoßen.

Nadin Heinich: Exportieren wir aus Deutschland weiterhin Güter, die Russland militärisch nutzt?
Oleksandr Kovalenko: Wir finden in russischen Systemen westliche Bauteile – Chips, Elektronik. Aber wir können andere Länder nicht „offiziell beschuldigen“, solange wir die gesamte Lieferkette nicht belegen können. Viele Exporte laufen über Drittländer. Armenien ist dafür ein gutes Beispiel: 2023/24 wurde es zu einem wichtigen Transit- und Reexport-Knoten für Elektronik Richtung Russland.
Nadin Heinich: Es gibt die offizielle App „Air Alarm“, um die Bevölkerung vor Angriffen zu warnen. Gleichzeitig sind inoffiziell betriebene Telegram-Kanäle oft präziser. Woher kommt deren Wissen – direkt vom Militär?
Oleksandr Kovalenko: Offizielle Kanäle liefern bewusst zurückhaltende, allgemeine Angaben – Anzahl der Ziele, betroffene Regionen. Einige inoffizielle Kanäle stehen in Kontakt mit dem Militär und bekommen Informationen nahezu in Echtzeit und granularer, etwa wie viele Drohnen über einem Teilgebiet stehen. Sie können so Zivilisten gezielter warnen. Formal dürfen solche Details nicht verbreitet werden. Aber wenn dadurch Leben gerettet werden, passiert es trotzdem. Entscheidend ist, dass diese Kanäle sehr viele Menschen erreichen und Informationen regional bündeln: Odesa, Dnipro, Kyjiw, Lwiw und so weiter.
Nadin Heinich: Neben den physischen Angriffen gibt es die psychologische Dimension: permanenter Alarm, kein Strom und keine Heizung im Winter, Erschöpfung. Welche Rolle spielt das?
Oleksandr Kovalenko: 2022 war das der härteste Teil – wir waren nicht vorbereitet. Heute, im vierten Kriegsjahr, ist das unser Alltag. Russlands Kalkül, die Gesellschaft zu zermürben und so Druck auf die Politik zu erzeugen, hat in der Realität vor allem eines produziert: Wut – und eine noch größere Entschlossenheit, sich nicht zu ergeben. Solange Russland glaubt, mit Gewalt maximale Ziele erreichen zu können, wird es schwer, über Frieden zu sprechen – das ist zumindest meine Einschätzung.
Text: Nadin Heinich
Fotos: Heinrich Völkel
Odesa ist jünger, als ihr Mythos vermuten lässt – und zugleich älter als Katharina die Große. Der Name „Odesa“ taucht erstmals in einem Dokument vom 21. Januar 1795 auf. 1792 war das Gebiet mit dem Frieden von Jassy an das Russische Kaiserreich gefallen, 1794 verfügte Katharina II. den Bau eines Militärhafens und einer Handelsanlegestelle im damals Khadzhibei genannten Ort. Unter der Leitung des Offiziers José de Ribas begannen am 2. September 1794 die Arbeiten an Hafenanlagen und Kathedrale – ein Datum, das Odesa bis heute als Tag der Stadt feiert.
Die neue Stadt entstand nicht auf „leerem Land“. Khadzhibei war seit dem frühen 15. Jahrhundert als Gründung des Krim-Khans Hacı Bey belegt, mit Burg, Moschee, muslimischem Friedhof, Tavernen und einem bereits bedeutenden Getreidehafen. Die Siedlung wechselte vom Krim-Khanat zum Großfürstentum Litauen, später zum Osmanischen Reich – erst danach übernahm Russland die Region. Die imperiale Erzählung von der „Gründung“ Odesas durch Katharina blendet diese Vorgeschichte aus.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Odesa zur aufstrebenden Hafen- und Handelsstadt des Zarenreichs. Entscheidend waren der Erfolg des Hafens, eine liberale Verwaltungspolitik und der Status als Freihafen von 1819 bis 1859. Gouverneure wie der französischstämmige Herzog von Richelieu, von 1803 bis 1814 Stadtoberhaupt, und später Graf Michail Woronzow, Generalgouverneur von Neurussland und Bessarabien, ließen ein streng rechtwinkliges Straßennetz anlegen, engagierten westliche Ingenieure und Ärzte und gründeten Theater, Bibliothek, Lyzeum und wissenschaftliche Gesellschaften. Der Handel mit Getreide und anderen Gütern zog Deutsche, Griechen, Juden, Italiener, Ukrainer, Russen, Armenier und viele andere an. Das kosmopolitische Odesa wurde zur viertgrößten Stadt im Russischen Kaiserreich – nach St. Petersburg, Moskau und Warschau. Bis heute gilt diese Epoche als das „goldene Zeitalter“ der Stadt.
Gerade darin liegt die Brisanz der heutigen Debatten: Das goldene Zeitalter Odesas war untrennbar in eine imperiale Ordnung eingebettet. Mit dem 2023 vom ukrainischen Parlament verabschiedeten Gesetz „Über die Verurteilung und das Verbot der Propaganda der russischen imperialen Politik in der Ukraine und die Dekolonisierung der Toponymie“ wurden die Kommunen verpflichtet, Namen, Symbole und Denkmäler aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, die mit dem Russischen Kaiserreich, der Sowjetunion oder der heutigen Russischen Föderation verbunden sind.