
Nadin Heinich: Ich wollte diesen Pullover auch kaufen, aber im Rathaus sagte man mir, den schwarzen gäbe es nicht mehr in meiner Größe.
Peeter Tambu: Dann müssen Sie energischer fragen. Sagen Sie im Rathaus, dass die Bürgermeisterin möchte, dass Sie für Narva Werbung machen.
Nadin Heinich: Wir waren überrascht, in Narva so wenig Militär zu sehen. Der Fluss markiert die Grenze zwischen der EU und Russland, und doch wirkt die Situation vor Ort erstaunlich unspektakulär – an beiden Ufern wird geangelt.
Peeter Tambu: Krieg wird heute nicht mehr nach den Maßstäben von 1944 geführt. Aus militärischer Sicht wäre es kaum sinnvoll, Narva isoliert anzugreifen; mit den heutigen Waffensystemen stünde im Ernstfall nicht eine Grenzstadt, sondern Estland insgesamt unter Druck. Deshalb hätte eine stärkere Truppenpräsenz in Narva vor allem symbolischen Charakter.
In Westeuropa wird Sicherheit oft noch in den Kategorien des Zweiten Weltkriegs gedacht. Deshalb taucht immer wieder die Vorstellung auf, Russland könne Narva nutzen, um die Reaktionsfähigkeit der NATO zu testen – also gezielt zu provozieren, statt das ganze Land anzugreifen. Ich halte das für wenig plausibel. Für die Sicherung des Flusses und der Grenze reichen Polizei und Grenzschutz. Wir bauen seit dem 19. Jahrhundert keine Festungen mehr. Ein Architekt entwirft für das Leben, nicht für den Krieg.
Wer hier lebt, lernt ohnehin, mit einer dauerhaften Spannung umzugehen. Man kann nicht permanent in Angst leben. In der Ukraine sieht man, wie Menschen selbst im Krieg Routinen aufrechterhalten: Eine Besprechung wird wegen Alarm unterbrochen, dann geht man in den Schutzraum – und arbeitet danach weiter.

Nadin Heinich: Wie tief ist diese Grenzlage historisch in die Stadt eingeschrieben?
Peeter Tambu: Narva gehört zu den ältesten dauerhaft besiedelten Orten Estlands; archäologische Spuren reichen bis 6500 vor Christus zurück. Als Stadt formierte sich Narva im 13. Jahrhundert an der dänischen Burg am westlichen Ufer des Flusses. Der Fluss war immer eine Linie in der Landschaft, aber nur selten eine harte Grenze. Gegenüber erhebt sich mit Ivangorod die russische Festung des späten 15. Jahrhunderts – diese Konstellation aus Hermannsfeste und Ivangorod prägt den Ort bis heute.
Unter schwedischer Herrschaft wurde Narva im 17. Jahrhundert zu einer bedeutenden Grenz- und Festungsstadt ausgebaut; die Bastionen nach Entwürfen von Erik Dahlberg gaben der Stadt jene militärische Topografie, die man noch heute lesen kann. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum Narvas vom Militärischen ins Industrielle: Mit Kreenholm entstand eine Fabrikstadt eigenen Maßstabs, zeitweise die größte Textilfabrik Europas. Und selbst die alten Befestigungen wurden umgedeutet: Auf den Bastionen entstand mit dem Dunklen Garten der älteste Park Narvas – ein Ort, an dem aus Verteidigungsarchitektur öffentlicher Raum wurde.

Nadin Heinich: Im Zweiten Weltkrieg wurde Narva 1944 innerhalb weniger Monate fast vollständig zerstört. Warum traf es die Stadt so hart?
Peeter Tambu: Narva war kein Einzelfall; im Frühjahr 1944 wurden mehrere Städte in Estland bombardiert, und auch im übrigen Baltikum trafen sowjetische Luftangriffe zahlreiche Orte. In Narva aber verdichtete sich diese Gewalt in besonderer Weise: Die Angriffe vom 6. bis 8. März, gefolgt von Artilleriebeschuss und weiteren Zerstörungen bis Juli, legten die historische Altstadt in Trümmer. Am Ende waren bis zu 98 Prozent der Stadt zerstört. Dass die Zahl der zivilen Opfer vergleichsweise gering blieb, lag vor allem daran, dass die Bevölkerung zuvor weitgehend evakuiert worden war.
Entscheidend ist, was nach 1945 geschah. Viele Gebäude der Altstadt wären grundsätzlich restaurierbar gewesen, und dafür gab es auch Pläne. Doch die sowjetischen Behörden entschieden sich gegen den Wiederaufbau; in den 1950er Jahren wurden die Ruinen großflächig abgetragen und Narva als sowjetische Industrie- und Arbeiterstadt neu aufgebaut. Viele der früheren Bewohner durften nicht zurückkehren, stattdessen kamen Arbeitskräfte aus anderen Teilen der Sowjetunion. Das heutige Narva ist deshalb nicht nur Ergebnis der Kriegszerstörung, sondern auch einer radikalen politischen und demografischen Neuschreibung.


Nadin Heinich: Wie plant man eine Stadt weiter, deren historische Mitte fast ausgelöscht wurde?
Peeter Tambu: Wir arbeiten in Narva auf mehreren Planungsebenen zugleich: für die Altstadt, für das Industriegebiet und für die Stadt insgesamt. Entscheidend ist dabei, die Entwicklung zu bündeln, nicht in die Fläche zu treiben. Narva ist eine schrumpfende Stadt; deshalb konzentrieren wir uns auf das historische Zentrum und auf den Flussraum.
Deutlich wird das zum Beispiel am Stockholm-Platz hinter dem Rathaus. Er wirkt für viele Einheimische wie ein historischer Ort, ist aber in Wahrheit ein neuer, zeitgenössischer Stadtplatz auf dem Terrain der zerstörten Altstadt. Der Wettbewerb dafür wurde von dem estnischen Büro KOKO gewonnen. Statt hier historische Kulissen zu imitieren, setzen wir auf eine moderne Sprache, die die verlorenen Schichten der Stadt lesbar hält. In dieselbe Richtung geht auch der archäologische Park, der sich in der Umsetzung befindet: Die Grünfläche bleibt offen, der Blick zum Fluss frei, und das unterirdische historische Narva wird nicht überbaut, sondern als archäologisches Gedächtnis der Stadt mitgedacht.
Nadin Heinich: Mit dem College-Bau der Universität Tartu, 2012 fertiggestellt, erhielt Narva erstmals seit der Unabhängigkeit auch international Aufmerksamkeit als Ort zeitgenössischer Architektur. War das ein Wendepunkt in der Stadtplanung?
Peeter Tambu: Vom Börsengebäude blieb nach dem Krieg nur der Keller erhalten. Die Aufgabe für den Wettbewerb war deshalb heikel: Das historische Volumen sollte wieder lesbar werden, ohne die Fassade des Rathauses erneut zu verstellen. Gelöst wurde das im heutigen College-Bau der Universität Tartu, der den Baukörper der ehemaligen Börse nicht rekonstruiert, sondern als Leerstelle markiert; die Kellergewölbe wurden dabei in den Neubau integriert.
Dieses Prinzip ist für uns grundlegend. Wir wollen keine historischen Kopien, sondern zeitgenössische Architektur, die den alten Stadtgrundriss und die historischen Volumen respektiert. Auch in den nächsten Quartieren neben dem Rathaus sollen die Straßenräume der alten Stadt wieder lesbar und zugleich modern gebaut werden.

Nadin Heinich: Wie geht Narva mit dem Schrumpfen um? Glauben Sie, dass dieser Prozess weitergehen wird?
Peeter Tambu: Ja, davon gehen wir aus. Narva verliert immer noch etwa 900 Einwohner pro Jahr. Zu Höchstzeiten hatte die Stadt über 80.000 Einwohner, aktuell sind es noch rund 52.000. Deshalb planen wir nicht mehr mit Wachstum, sondern mit Konzentration: Öffentliche Investitionen werden gezielt in das Zentrum und den Flussraum gelenkt. Im neuen Masterplan ist dafür erstmals ein vorrangiges Entwicklungsgebiet definiert. Die Idee ist klar: keine weiteren Leerstellen am Rand, sondern mehr städtische Dichte in der Mitte.
Narva war in der Sowjetzeit eine Industrie- und Arbeiterstadt, geprägt von Kreenholm, den Kraftwerken und der metallverarbeitenden Industrie. Diese industrielle DNA ist nicht verschwunden, aber sie trägt die Stadt heute nicht mehr in derselben Weise. Deshalb setzt Narva städtebaulich nicht auf Expansion, sondern auf eine präzisere Nutzung der vorhandenen Struktur. Neue Impulse – etwa durch die im September 2025 eröffnete Magnetfabrik von Neo Performance Materials – ändern daran zunächst nichts Grundsätzliches. Entscheidend bleibt, die schrumpfende Stadt räumlich so zu ordnen, dass ihr Zentrum wieder Gewicht bekommt.
Nadin Heinich: Gibt es Pläne für Kreenholm, zeitweise wohl der größte Arbeitgeber der Stadt?
Peeter Tambu: Kreenholm gehört heute Narva Gate OÜ, einer Gesellschaft der schwedischen Investorengruppen Gabrielsson Invest AB und CA Fastigheter AB. 2021 wurde das Projekt „Manufaktuur“ in die Liste der national bedeutenden Kulturbauten aufgenommen. Es geht dabei nicht um den sofortigen Umbau des gesamten ehemaligen Komplexes aus Textilspinnerei und -weberei, sondern um die etappenweise Umnutzung der alten Spinnerei mit rund 20.000 Quadratmetern für kulturelle und öffentliche Nutzungen.
Als diese Planungen entstanden, war die Grenze offener und St. Petersburg viel stärker mitgedacht. Diese Grundlage ist entfallen. Seit 2014, und erst recht seit 2022, muss Kreenholm anders gelesen werden: nicht als schneller Entwicklungsfall, sondern als langfristiges Projekt mit kulturellen Zwischenschritten.


Text: Nadin Heinich, plan A
Photographie: Heinirch Völkel, Ostkreuz