Welchen Einfluss hat der öffentliche Raum auf die Gesellschaft?
Mit dieser Frage begann der Vorreiter der digitalen Stadtplanung und Architektur Carlo Ratti seine Präsentation und verblüffte die Zuhörer mit seiner Antwort: „Wir werden keine Lösungen finden, wenn wir ausschließlich digital kommunizieren.“ Die wachsende Unsicherheit und Veränderungen in der Gesellschaft zeigte er anhand seiner datenbasierten Forschungsprojekte. Er analysierte das E-Mailverhalten vor und nach der Covid-Pandemie an amerikanischen Hochschulen, als es unmöglich war sich im physischen Raum zu treffen. Der Vergleich zwischen Videoaufnahmen aus den 1980 Jahren vom Verhalten der Menschen auf den Plätzen New Yorks mit ihrem Verhalten heute lässt ähnliche Schlüsse zu: die Menschen interagieren weit weniger als früher in einer direkten physischen Kommunikation. Sein Plädoyer: Wir brauchen Sozialverbindungen, so genannte Weak Ties (Robin Dunbar), also schwache Beziehungen, um aus unseren vertrauten Gedankenmustern auszubrechen und andere Meinungen zuzulassen.

Anhand eigener Projekte zeigte Ratti an welchen Orten solche Bekanntschaften gemacht werden können, wo Menschen, die sich vorher nicht kannten miteinander kommunizieren. Als Katalysator sieht er performative Architektur, wie der vom Besucher gesteuerte Wasservorhang des Expo-Pavillons in Zaragoza. Oder der öffentliche Park auf halber Höhe eines Hochhauses in Singapur. Als Vorbild für gemeinsames Erleben von Kultur, Natur und Wasser gilt für den Biennale-Direktor von 2025 noch immer Aldo Rossis Teatro del Mondo von 1980. In Anspielung darauf realisierte er gemeinsam mit Howeler Yoon letzten Sommer eine schwimmende Besucherplatform, die im Anschluss an die Biennale über den Atlantik bis ins brasilianische Belém geschleppt wurde, um auf der Weltklimakonferenz auf die steigenden Meeresspiegel aufmerksam zu machen.
Text: Frank Kaltenbach
Fotos: Tanja Kernweiss
Zur Person
Carlo Ratti ist Architekt, Forscher und Hochschullehrer mit einer tiefen Leidenschaft für Städte. Er lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er das Senseable City Lab leitet. Ausgebildet als Ingenieur am Politecnico di Torino und an der École Nationale des Ponts et Chaussées in Paris, promovierte er in Architektur an der University of Cambridge. Carlo Ratti hält mehrere Patente und ist Mitautor von über 250 wissenschaftlichen Publikationen. Seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, unter anderem auf der Architekturbiennale in Venedig, im Design Museum Barcelona, im Science Museum London, bei GAFTA in San Francisco sowie im Museum of Modern Art in New York.
2025 kuratierte er die 19. Internationale Architekturausstellung der Biennale von Venedig unter dem Titel „Intelligens. Natural. Artificial. Collective“. Mit seiner Arbeit zwischen Forschung, Design und Unternehmertum möchte er öffentliche Debatten anstoßen und neue Wege aufzeigen, wie Technologie, Architektur und Gesellschaft zusammenwirken können.