„Jedes Mal wenn ich ein Buch herausbringe, bin ich auch bei Architecture Matters.“
Bereits zum vierten Mal war Reinier de Graaf, Partner des Rotterdamer Architekturbüros OMA, bei uns zu Gast – und erneut wurde klar, warum er längst mehr ist als „nur“ Architekt. Neben seiner Arbeit als Planer hat sich de Graaf als scharfsinniger Autor und brillanter Beobachter der Branche international einen Namen gemacht. Nach Four Walls and a Roof (2017), der Novelle The Masterplan (2021) und architect, verb (2023) stellte er nun sein neues Buch Architecture against Architecture: A Manifesto vor.
Doch statt einer klassischen Lesung lieferte de Graaf eine pointierte Performance: 14 Thesen für eine bessere Architektenwelt, vorgetragen in gewohnt trockenem, suffisantem Englisch – kritisch, provokant, manchmal zynisch, aber immer messerscharf. Kapitel für Kapitel legte er den Finger in Wunden, über die die Branche selbst lieber schweigt.

Er sprach über den Aufstieg und Fall des Starkults am Beispiel David Adjaye und darüber, wie ein Medienskandal existenzielle Folgen für über 100 Mitarbeitende haben kann – obwohl weder ein Urteil vorlag noch die Arbeit des Büros infrage stand. Er sezierte das groteske Missverhältnis zwischen der Wertsteigerung durch Architektur und der Bezahlung derjenigen, die sie schaffen: Während Immobilienwerte explodieren, landen Architekt:innen finanziell ganz unten.
De Graafs Antworten darauf sind radikal: Gewerkschaften für Architekt:innen, kollektive Arbeitsmodelle, die Abschaffung des Copyrights, Vertrauen in KI als Hüterin des guten Geschmacks, kein Neubau bei gleichzeitigem Leerstand – und eine Architektur, die sich endlich ernsthaft an den Klimawandel anpasst, statt sich hinter dem Wort „Nachhaltigkeit“ zu verstecken.
Für den größten Moment des Unbehagens sorgte allerdings seine provokanteste Forderung: Cut out the middlemen! Im Gespräch mit Nadin Heinich präzisierte de Graaf, was er damit meint: direkte Verbindungen zwischen Architekt:innen und Nutzer:innen – ohne jene Akteure dazwischen, die vor allem Rendite abschöpfen. Eine Kampfansage an die klassische Immobilienwirtschaft, deren Vertreter:innen zahlreich im Publikum saßen und an diesem Abend hörbar schlucken mussten.
Im anschließenden Gespräch mit David Basulto, Gründer von ArchDaily, ging es schließlich um die Frage nach Moral und Verantwortung beim Bauen für autoritäre Regime. De Graafs Antwort darauf fiel ebenso nüchtern wie provokant aus: „Moral wird daran gemessen, was man tut – nicht für wen man es tut.“ Ein Satz, der angesichts autokratischer Tendenzen selbst in westlichen Demokratien lange nachhallte.
Zur Person:
Reinier de Graaf ist ein niederländischer Architekt und Autor. Er ist Partner im Office for Metropolitan Architecture (OMA) und Mitgründer des Thinktanks AMO. Er verantwortet bedeutende Bau- und Masterplanungsprojekte in Europa und dem Nahen Osten, darunter den Al Daayan Health District (Doha), Norra Tornen (Stockholm), Holland Green (London) und De Rotterdam (Rotterdam).
De Graaf ist Autor von „Four Walls and a Roof: The Complex Nature of a Simple Profession“, „architect, verb“ sowie des jüngsten Manifests „Architecture Against Architecture“: Die Autorität der Architekten bröckelt. In kritischer Selbstreflexion untersucht Reinier de Graaf die harten Entscheidungen, die vor der Profession liegen – und welche Konsequenzen daraus folgen müssen.